Meine erste 5.0 in 8 Jahren Studium

Ich studiere nun schon seit 8 Jahren. Zuerst den Bachelor Informatik, nun bin ich auf der Zielgeraden für den Master in Wirtschaftsinformatik. Wie Ihr dem letzten Beitrag entnehmen konntet, habe ich bei den WiWis ein Seminar belegt, obwohl ich meine Thesis an der Fakultät für Informatik schreiben wollte.

Long Story short: es geht nur Seminar/Fachpraktikum + Thesis (70 Seiten, Seminar/Fachpraktikum nicht bewertet, nur Thesis geht in Endnote ein) an der Fakultät für Informatik oder Seminar + Thesis (20 Seiten Seminararbeit + 50 Seiten Thesis, wird beides bewertet und geht in die Endnote ein) bei den Wirtschaftswissenschaftlern.

Nun hatte ich ein Seminar belegt und auch schon meine Seminararbeit abgeliefert. Die Note bekam ich 2 Tage vor Anmeldeschluss im Prüfungssystem per Mail mitgeteilt. Besteht man ein Seminar nicht, kann man sich für ein anderes Seminar im nächsten Semester anmelden. Wird die Note nicht ins Prüfungssystem eingetragen, so ist eine Anmeldung aber nicht möglich und mit etwas Pech muss man bis zum nächsten Semester warten. Ob die Folgeanmeldung in diesem Fall noch geklappt hätte weiß ich nicht. Ich habe nach Bekanntgabe der Note einen anderen Weg eingeschlagen und die Sache nicht weiter verfolgt.

Natürlich habe ich die Gelegenheit genutzt und um ein Feedback-Gespräch gebeten, da meiner Meinung nach die Arbeit gelungen war. Aber man verschätzt sich ja doch manchmal, und so war es hilfreich von der Betreuerin eine Rückmeldung zu bekommen. Aber der Reihe nach.

Organisation

Der Terminplan für die ganze Veranstaltung ist relativ eng gesteckt und wird auch ausgereizt. Findet eine Adobe Connect Besprechung um 17 Uhr statt, so ist vor 16:59 Uhr kein Link im Moodle vorhanden. Werden die Themen im Moodle bis spätestens für den 21.03 angekündigt, so erscheinen sie auch kurz vor dem 22.03.

Am 29.03 erfolgte die Themenvergabe per Mail. Das Expose sollte bis zum 19.04 abgegeben werden. Die Aufgabenstellung umfasst 4 Seiten. Das Thema ist ein Forschungsbeitrag in Englisch auf 16 eng bedruckten Seiten in kleinster Schrift. Aber Achtung, das ist kein übliches Business-Englisch, sondern schon wirklich sehr, sehr anstrengend zu lesen. Obwohl ich in einem Unternehmen arbeite, wo das tägliche Doing auf Englisch stattfindet, so habe ich das Lesen aufgegeben und den Beitrag Wort für Wort übersetzt.

Die Abgabe des Epoxsés war terminiert für den 19.04. Was auch gleichzeitig der späteste Rücktrittstermin war. Soll das Thema alleine ausschlaggebend für einen evtl. Rücktritt sein, so kann man den Termin nachvollziehen. Mir scheint ein Rücktrittstermin, der nach dem Feedbackerhalt für das Exposé liegen würde, als besser geeignet. So hätte man nach dem Feedback noch mit den Worten "Ah, das wollt ihr. Ne, nicht machbar!" abbrechen können.

Das Feedback am 9.04 zum Exposé war auch überraschend und hätte meine Alarmglocken schrillen lassen sollen. Hat es auch, war aber schon zu spät. Rücktrittsfrist war ja schon vor Abgabe des Exposés. Abgabe der Seminararbeit: 31.05.

Exposé

Im Expose erwartet wird u. a. nicht nur die Beschreibung des Aufbaus der Seminararbeit, ich hielt mich hier praktisch 1:1 an die Aufgabenbeschreibung, sondern auch ein Literaturverzeichnis.

D. h. innerhalb von zwei Wochen müsste man sich durch den englischsprachigen Forschungsbeitrag kämpfen, die die Fachliteratur sortieren, sie besorgen, querlesen und das Exposé schreiben. Bereits das Besorgen stellt sich als umständlich heraus. Durch den Streit der Unis mit Elsevier hat man kaum elektronischen Zugriff auf Publikationen. Sogar der Forschungsbeitrag selbst war nicht online abrufbar. Ich musste einen Auftrag bei der Unibibliothek einstellen, der Beitrag wurde gescannt und mir 4 Tage später (6.04) für 1,50 EUR als PDF zur Verfügung gestellt.

Ab hier waren es 13 Tage für Übersetzung und Sichtung der Literatur. Hätte ich am 29.03 bereits die vollständige Literatur beisammen, wäre ein Exposé mit Literaturangaben bis zum 19.04 vielleicht machbar. Zumindest für einen Vollzeitstudenten. Denn welche Literatur relevant ist, kann ich erst feststellen, wenn ich den Beitrag zumindest gelesen und verstanden habe.

Also ging das Exposé ohne Literaturangaben an den Lehrstuhl. Beim Feedback (vorab wurde am Telefon erwähnt, dass das Gespräch nicht aufgezeichnet werden darf, aber Notizen erlaubt sind) gab es daher auch ein "Hätten Sie mir die Literatur genannt, die sie verwenden wollen, hätte ich ihnen davon abgeraten".

Wie gesagt: Übersetzung, Erarbeitung, Bestellung von Publikationen, Sichtung, innerhalb von 2,5 Wochen ist, meiner Meinung nach, nicht möglich. Da aber wohl einige Studenten das Seminar durchaus bestehen, ist meine Meinung hier nicht ausschlaggebend. Mich würde aber der Prozentsatz interessieren. Denn es waren ~30-40 Leute in dem Webinar und die Finalisten dürfen im Recall an den 2 Tagen in Hagen ihre Ergebnisse präsentieren. Dass das nicht mit 40 Leuten - ca. 30 Minuten Präsentationszeit pro Person inkl. Fragen - zu machen ist, ist simple Mathematik. Es müssen also einige durchfallen.

Seminararbeit

Während ich auf Feedback für das Exposé wartete, kümmerte ich mich um die Literatur. google scholar, google books, lokale Uni-Bibliothek. Großer Fehler im Nachhinein. Für 20 Seiten Seminararbeit habe ich 60 Quellen zitiert, mehrheitlich Fachliteratur, anschließend wissenschaftliche Publikationen, die (nur) online veröffentlichten Standards, zwei Standardwerke anderer Fachgebiete außerhalb der Wirtschaftsinformatik, eine Masterthesis und eine Definition aus dem Vorlesungsskript meiner Professorin, Frau Prof. Ulrike Baumöl*.

Fachfremde Literatur nur für die Definition des Begriffs Experiment im Rahmen der Experimentalforschung. Denn die Forschungsart ist grundsätzlich fachübergreifend gleich. Ein Standardwerk eines anderen Fachgebiets für eine fachübergreifende Begriffsdefinition zu zitieren, da habe ich mir nichts weiter bei gedacht.

Mein Thema war Businessprozessmodellierung und so baute ich meine Seminararbeit um das Thema herum auf:

  1. Grundlagen:
    1. von was handelt der Beitrag, was sind Prozesse, was Geschäftsprozesse: 2 Seiten
    2. Andere Notationsformen: 2 Seiten
  2. Motivation für den Beitrag: 2 Seiten
  3. Forschungsmethode und Versuchsaufbau: 6 Seiten
  4. Ergebnisse: 4 Seiten
  5. Kontext: 2 Seiten
  6. Eigene Einschätzung: 2 Seiten

Grundsätzlich war der Aufbau der Arbeit ähnlich meiner Bachelor-Thesis. Wenn ich eine gute Note für die Thesis erhalten habe, wird das bei der Seminararbeit wohl auch OK sein. Dachte ich. Falsch.

Feedback zur 5.0

  1. Zu viel Praxislektüre. Es sollen vorwiegend wissenschaftliche Publikationen verwendet werden, keine veröffentlichten Bücher.
  2. Masterarbeiten und Kurseinheiten von Prof. dürfen nicht zitiert werden. Auf den Einwand, dass es sich doch bei beiden um wissenschaftliche Arbeiten handelt, wurde nicht eingegangen.
  3. Literatur außerhalb des Forschungszweigs der Wirtschaftsinformatik soll nicht benutzt werden (Anspielung auf die Definition des Begriffs "Experiment", welches aus einem Standardwerk für Kriminologie-Studenten zum Thema Forschungsmethoden stammt)
  4. Das Wort "verwunderlich" (Kontext: "Dass die Testgruppen ... profitieren, ist nicht verwunderlich") ist Umgangssprache und sollte nicht verwendet werden.
  5. Kein Abkürzungsverzeichnis, auch wenn die Abkürzungen das erste Mal im Text ausgeschrieben wurden. Zudem beinhaltete die Vorlage des Lehrstuhls für die Seminararbeit selbst kein Abkürzungsverzeichnis.
  6. Zu viele Auflistungen (4 an der Zahl, 3 Auflistungen zum Aufzeigen der Reihenfolge)
  7. Zwei Quellen im Literaturverzeichnis, die nicht zitiert wurden (Fehler in Tex mit \nocite{*})
  8. Einordnung des Beitrags in den Kontext nicht erfolgt. Ich habe mehrheitlich zitierte Literatur im Forschungsbeitrag angeführt. Tatsächlich habe ich das. Denn die Forscher haben in ihrem Beitrag einen Abschnitt "Context", der ~30 Publikationen anführt und ihre Thesen zusammenfasst. Davon habe ich die ca. 10 wichtigsten ausgewählt, die noch einmal hevorgehoben und 9 Beiträge die vor und nach dem Beitrag entstanden (und ihn ggf. zitieren) angeführt.
  9. Absatz "Hochschulstudenten sollten mit durch ihr Studium mit komplexer, textueller Repräsentation von Informationen vertraut sein" ohne zitierfähigen Beleg. Dass sich die Tatsache mit gesundem Menschenverstand erschließt, war irrelevant. Absatz ohne Beleg = Behauptung.
  10. Gegenüberstellung von "Prozess" und "Geschäftsprozess" zur Abgrenzung auf einer Seite war nicht notwendig. Erwähnung von weiteren Darstellungsmethoden, obwohl darauf hingewiesen wurde, dass diese letztendlich durch Standardisierungsbemühungen zu der finalen führten war ebenfalls nicht notwendig. Hingegen sollten mindestens drei Definitionen von "Geschäftsprozess" dargestellt werden. Dass Prof. Baumöl das gemacht hat und ich ihre finale Version zitiert habe, was nicht relevant.

Jeglicher Einwand wurde final mit den Worten "Andere Kursteilnehmer haben bestanden, also ist das offensichtlich möglich!" abgekanzelt. Eine Argumentation dagegen ist nicht möglich.

Mein Fazit

Ich muss sagen, dass die Seminararbeit für mich vom zeitlichen Aufwand sehr hoch war. Der getrieben Aufwand rechtfertigt keinesfalls die Note. Meinem Gefühl nach wird weniger auf das Ergebnis Wert gelegt, als auf die Form. Denn ob mein Verständnis des Forschungsbeitrags oder die Einschätzung der Ergebnisse korrekt waren, spielte keine Rolle und wurde auch mit keinem Wort erwähnt. Alleine der Umstand, dass ich weder eine Master-Thesis, noch die Aussagen meiner eigenen Professorin in einer Seminararbeit zitieren darf, war für mich schon schwer nachzuvollziehen.

Aus der Informatik bin eine eher ergebnisorientierte Herangehensweise gewohnt. Results matter. Es ist 1+1=2 und es muss nicht 1+1=2 [vgl. Adam Ries, 1501, S. 2] lauten. Und wenn der Verfasser eines Standardwerks zur Kriminologie die Prägnanteste Definition eines Experiments veröffentlicht hat, dann der Blick über den Tellerrand OK und ich muss nicht zwingend innerhalb meines eigenen Tellers Runden drehen.

Zudem ist der Terminplan sehr, sehr eng. Leider gibt es hierzu vorab keine Informationen. Wüsste ich um die Literaturanforderungen und den Zeitplan (der nicht auf TZ-Studenten ausgelegt ist), so hätte mich mich evtl. anders entschieden. Es wäre zumindest schön gewesen, wenn man wenigstens ein Beispiel für ein Exposé oder eine gelungene Seminararbeit bekommen hätte, um zumindest einen roten Faden zu haben. So hatte das aber eher was von Glücksspiel, ob man am Ende den Erwartungen des Lehrstuhls gerecht wird, oder nicht.

Die Bewertungskriterien sind in solchen Fällen oft subjektiv. Werden WiWi-Klausuren oft nach dem Schlüsselwort-Muster korrigiert, so fällt diese Variante bei einer Seminararbeit weg. Grundsätzlich habe ich hier klassisch einem "Thema verfehlt" erlegen zu sein.

Ich hatte ja schon mehrfach erwähnt, dass ich meine Entscheidung den Master in der Wirtschaftsinformatik zu machen bereut habe. Informatik hatte nur leider zu wenig spannende Module im Master, so dass eine zunächst eindeutige Wahl am Ende keine sehr gute war.

In jedem Fall: Satz mit X und mein erstes "nicht bestanden" im Leistungsbogen.

Vielleicht hilft euch die Auflistung etwas, den Schwerpunkt für eure Seminararbeit richtig(er) zu setzen. Ich hänge an den Beitrag mal meine 5.0-Seminararbeit an. Sie ist vom Lehrstuhl ja verworfen worden und der lizenzpflichtige Forschungsbeitrag ist nicht inkludiert. Dann seht Ihr zumindest, wie man es nicht macht.

Viel Erfolg bei eurem Seminar, bzw. Fachpraktikum.

Seminararbeit WiWi



 

3 Kommentare zu “Meine erste 5.0 in 8 Jahren Studium”

  1. peripherstudent
    August 1st, 2018 14:42
    1

    Jaja, die Baumöl-Lotterie...

    Bei diesem Lehrstuhl muss man sich echt in Acht nehmen, vielleicht kannst du ja doch noch mal umschwenken.

    Ich werde in einem Monat berichten, wie das Seminar an der Info-Fakultät war.

    Viele Grüße

  2. Anton
    August 1st, 2018 15:45
    2

    Hi,

    das war ein Seminar am Lehrstuhl Strecker. Bei Frau Prof. Baumöl (die wohlgemerkt am Telefon sehr hilfreich und unterstützend war) habe ich nur zwei Klausuren geschrieben, aber kein Seminar belegt.

    Das FaPra an der Info habe ich mittlerweile anerkannt bekommen und muss daher keines mehr machen. Damit ist die 5.0 Geschichte und hat mich nur 4 Wochen Arbeitszeit und Nerven gekostet.

    Würde mich aber dennoch interessieren, wie's bei Dir bei Info gelaufen ist.

  3. Markus
    September 13th, 2018 15:17
    3

    Mein Beileid. Typisch WiWi, kann ich da nur sagen. Es zählen irgendwelche völlig subektive, lehrstuhlspezifische und teils komplett absurde Formalien, aber nicht das eigentliche Resultat. Bei meinem Seminar war ein Kollege, der bereits durch zwei solcher Seminare gerasselt ist. Finde ich ziemlich absurd, zumal die Skripten der Lehrstühle oft den eigenen Standards nicht annähernd standhalten.

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