01697 - Mensch Computer Interaktion

Kursbeschreibung

Das Thema ist durchaus spannend. Wer schon einmal ein GUI entwickelt hat, befolgt unbewusst bestimmte Regeln um diese ansprechend und intuitiv bedienbar zu machen. Oder sollte es zumindest. In diesem Kurs wird diese praktische Erfahrung auf ein theoretisches Fundament gestellt. Man weiß nun warum man bestimmte Designkonzepte verfolgt und bemüht als Antwort nicht immer nur "Weil es halt so ist!". Warum man z.B. bei zielgruppengerechter Gestaltung der grafischen Oberflächen bestimmte Abstände zum Monitor einkalkulieren muss (veränderter Nahpunkt mit dem Alter), Einbeziehung des blinden Flecks und so weiter. Wie laufen die chemischen Prozesse im Gehirn ab, wie werden Synapsen gebildet, was ist laterale Inhibition und wie nutze ich sie für meine Anwendungen aus? Das sind alles Fragen, die im Kurs beantwortet werden. Abschließend erfolgt eine Einführung in die Datenerhebung bei Versuchen und eine Einführung in die dafür notwendige Stochastik (durchaus sehr mathematisch).

Von diesem Gesichtspunkt aus ist der Kurs gelungen. Die Informationsdichte ist immens und tweilweise geht diese schon deutlich in die biologische Tiefe. Wenn ich da nur an die Seiten mit dem Aufbau des Auges denke (Stäbchen, Zapfen, Anzahl, Benennung Komponenten des Auges, Verantwortungsbereiche, etc.).

Was mir nicht so sehr gefällt ist der Skriptaufbau. Es wird viel Wert darauf gelegt politisch korrekt zwischen Benutzerinnen und Benutzern, Programmiererinnen und Programmierern, etc. zu unterscheiden. Das stört den Lesefluss ungemein. Für mich persönlich ist z.B. "Programmierer" seit ewigen Zeiten einfach geschlechtslos, es sei denn man sagt "männlicher Programmierer" oder "Programmiererin" für das weibliche Pendant. Aber bei jedem Satz zwischen Männlein und Weiblein hin und her zu springen oder den Satz mit (ich übertreibe nun etwas) "... Programmiererinnen und Programmierern, die für Benutzerinnen und Benutzer sowie auch für Administratorinnen und Administratoren, die von Abteilungsleiterinnen und Abteilungsleitern geleitet werden..." verlängern, ist meiner Meinung nach für das Leseerlebnis suboptimal. Da fällt mir ein Sketch von einem deutschen Comedian ein, der mal von "Hydranten und Hydrantinnen" sprach.

Zu den Einsendeaufgaben möchte ich nicht viele Worte verlieren. Stand SS 2012 benötigt man 75% der Einsendeaufgaben für die Klausurzulassung. Man hat nur einen Versuch, beantwortet 20 MC-Fragen und hofft auf > 75%. Hat man 6 Kurseinheiten mit 100% bestanden und schludert auf 49% bei der letzten, ist die Zulassung hin und das Semester für die Katz. Ebenso muss man die Einsendeaufgaben strikt alle zwei Wochen erledigen. Ist man im Urlaub und hat keinen Internet-Zugriff? Pech. Auch wenn ich denke, dass das Lehrgebiet hier durchaus entgegenkommen sein könnte, sollte man solche Konstellationen in einem Fernstudium doch auch ohne Ausnahmeregelung vermeiden können indem man die Klausurzulassung weglässt (wer zur Klausur hingeht ohne vorbereitet zu sein, der hat seine sowieso 5 verdient - hier braucht man, meiner Meinung nach, keine Selektion anhand von Einsendeaufgaben).

Prüfung

Die Prüfung ist vollständig im MC-Stil. Die Einsendeaufgaben decken den Stoff ab und gehen deutlich tiefer. Aber 100% in den Einsende- oder Übungsaufgaben garantieren keine gute Note, wie ich feststellen durfte. Aus 90-100% in den Übungsaufgaben wurden bei mir eher 65% in der Klausur. Die Quote in der Klausur SS 2012 ist 31:8 (bestanden, nicht bestanden) ausgefallen (7:1 bei der Prüfungsklausur) und es gab keine 1,0.

Wer MC-Prüfungen mag und kein Problem hat, dass eine richtige 50-Wort-Aussage mit einem Wort, dass ob der Richtigkeit aller anderen auch gerne mal überlesen wird ins Gegenteil verkehrt wird, der sollte an dem Stil und mit der Prüfung keine Probleme haben. Alle anderen: lieber einen Kurs belegen, wo man sein Wissen in mehr als nur in Kreuzchen darlegen kann.

Literaturempfehlung

Hier gibt es leider nicht viele Bücher. Ausgeliehen habe ich mir das Buch von Heinecke (siehe Kasten oben rechts). Für den Preis kann man es sich auch ins Regal stellen. Ebenso Usability Engineering. Das Buch zum Thema Design Patterns ist etwas für Leute, die auch Software Engineering 1 belegt haben. Ansonsten würde ich das wohl hier auslassen.

Kursinhalt

  • Kurseinheit 1: Komplette Geschichte der Interaktion von 18xx bis heute. Standards, intuitive Bedienbarkeit, Details der Interaktion und Interaktionsanalyse.
  • Kurseinheit 2: Informationsübertragung vom Mensch zum Computer und anders herum, Auswahl geeigneter Schnittstellen.
  • Kurseinheit 3: Wahrnehmungsprozess, drei Beziehungen, Neuronen, Aktionspotenzial, Synapse, Detailbesprechung Auge, Prinzipien neuronaler Informationsverarbeitung mit Konvergenz, rezeptives Feld, Inhibition und Organisation neuronaler verbünde.
  • Kurseinheit 4: Informationsdarstellung, Gestaltungsgrundsätze (visuelle Phänomene, Phänomene höherer Verarbeitungsprozesse, Stilmittel), goldene Regeln.
  • Kurseinheit 5: Entwurfsmethoden, Bedürfnisse erkennen, empirische Methoden (Erhebung/Bereinigung), nutzungsorientierte Techniken (Szenario/Anwendungsfall/hierarchisch), Low- und High-Fidelity-Prototypen, grafischer Entwurf + textuelle Beschreibung, Analyse, Interaktionsmodelle, sensorbasierte Interaktion.
  • Kurseinheit 6: Fenstersysteme (Pixel, Fenster, Widgets), Programmierparadigmen (MVC, etc), GUI Frameworks durchaus detailiert (Qt, Java), deklarative Sprachen (HTML, XML, XAML, QML).
  • Kurseinheit 7: Evaluation, Stochastik (Zufallsvariablen, Mittelwert, Dichte, Varianz, Normalvereteilung, ...), statistische Testverfahren (Hypothesen, Signifikanzniveau, t-Test), Labor- und Feldstudien, analytische Methoden (Cognitive Walkthrough, modellbasierte Evaluation, ...), Experiment, Beobachtung, Interview, Überwachung, Wahl einer geeigneten Methode.

 

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